Bild Banner02 Aufbau eines Volkes
Letzte Änderung am:
Montag, 18. August 2014

Der Begriff „Bienenvolk“ beschreibt nicht nur die Gesamtheit aus Königin, Arbeiterinnen und Drohnen, sondern beinhaltet auch den dazugehörigen Wabenbau mit Honig- und Pollenvorräten, sowie dem Brutnest. Auch die schützende Hülle, die so genannte Beute, wird von diesem Begriff mit eingeschlossen. In Fachkreisen spricht man auch vom „Bien“.

Das Wort „Volk“ deutet auf eine weitere wichtige Eigenschaft hin: Die Honigbiene lebt nicht wie ihre nahen Verwandten, die Wildbienen, solitär (einzeln), sondern bildet ein Volk. Wildbienen, Hummeln und Wespen sind auch allein lebensfähig. Damit eine Honigbiene überleben kann, benötigt sie hingegen die Gesamtheit eines Volkes.

Der Pfarrer Ferdinand Gerstung beschrieb in seinem 1924 erschienenen Buch „Der Bien und seine Zucht“ das komplexe System eines Volkes folgendermaßen:

„Der Bien lässt sich eher mit einer Pflanze höherer Organisation vergleichen. Wie bei einer Pflanze auch aus einem Keime die verschiedenartigen Zellgruppen, Wurzel, Stängel oder Stamm, Blätter, Knospen, Blüte, Frucht entwickeln und jede besondere Zellgruppe für die Erhaltung des Organismus ihr bestimmtes Teil beitragen muss, aber auch vom ganzen Organismus ihre Existenzmöglichkeit dargeboten erhält, so entstehen auch aus an und für sich gleichartigen Eiern im Bien verschiedene Glieder oder Zellgruppen, sogenannte Arbeiterinnen (Ammen-, Brut-, Bau-, Wehr- und Trachtbienen), Drohnen und Königinnen, von denen jedes sein gerade ihm zukommendes Teil zur Erhaltung und Fortpflanzung des ganzen Biens beitragen muss, welche aber auch alle erst aus dem Bien entstehen und von dem ganzen Bien ihre Existenzmöglichkeit dargeboten erhalten.“

 

Man unterscheidet drei Bienenwesen: Die Königin, die Arbeiterinnen und Drohnen.

In jedem Volk gibt es nur eine Königin. Sie lässt sich leicht durch ihre größere Gestalt von den Arbeiterinnen unterschieden. Mit bis zu fünf Jahren hat eine Königin die längste Lebenserwartung der drei Bienenwesen. Sie ist für die Eiablage verantwortlich und schafft es, pro Tag zwischen 2000 und 3000 Eier zu legen. Ob die Königin Arbeiterinnen- und Drohnen-Eier legt, bestimmt übrigens nicht sie selbst, sondern die Arbeiterinnen, die die Brutzellen errichten: In eine vergrößerte Zelle legt die Königin ein Drohnen-Ei (unbefruchtet), in eine normal geformte Zelle ein Arbeiterinnen-Ei (befruchtet). Außerdem gibt sie ein Pheromon ab, ein Duftstoff, der dem gesamten Volk signalisiert, dass alles in Ordnung ist. Verschwindet dieser Geruch, dauert es lediglich ein bis zwei Stunden, bis eine Unruhe im Volk einkehrt. Arbeiterinnen „suchen“ nach ihrer Königin: die Sammelaktivität sinkt, die Arbeiterinnen stoppen den Wabenbau und ein lautes Brausen dröhnt durch das ganze Volk. An diesem Verhalten erkennt man eine weitere wichtige Aufgabe der Königin, denn sie sorgt für Zusammenhalt und Harmonie im Volk. Gleichzeitig ist sie aber auch auf die Arbeiterinnen angewiesen, da sie nicht in der Lage ist, sich selbst zu ernähren oder Nektar zu sammeln. Sie ist also keineswegs die alleinige „Herrscherin“, wie ihr Name vermuten lässt. Sie ist vielmehr ein wichtiger Teil des großen Ganzen und ebenso von ihren Arbeiterinnen abhängig, wie diese von ihr. 

Je nach Jahreszeit befinden sich in einem Volk zwischen 20.000 im Winter und bis zu 70.000 Arbeiterinnen im Sommer. Ihr Aufgabengebiet ist ausgesprochen umfangreich: Putzen, die Brut füttern, Waben bauen, das Flugloch bewachen, sowie Nektar, Pollen, Propolis und Wasser sammeln. Durch ihren Körperbau ist sie optimal auf diese Aufgaben vorbereitet: Ihre starken Mundwerkzeuge helfen dabei, Schmutz aus dem Volk zu entfernen und mithilfe der Wachsdrüsen an der Unterseite des Hinterleibes produzieren sie Wachs, aus dem sie den kompletten Wabenbau errichten. Bei der Fluglochwache erweist sich ein kleiner, aber effektiver Wehrstachel als äußerst hilfreich. Um Nektar zu transportieren, verfügen sie über einen Honigmagen und der Blütenpollen wird in kleine Kugeln geformt und an den Hinterbeinen befestigt. Die Lebensdauer einer Arbeiterin im Sommer beträgt etwa drei bis vier Wochen, abhängig von der Sammelleistung – eine Winterbiene kann bis zu acht Monate alt werden.

Solange in einem Bienenvolk alles in Ordnung ist und der Pheromon-Duft der Königin vorhanden ist, legen Arbeiterinnen keine Eier – geht jedoch die Königin verloren, kann eine Arbeiterin diese Aufgabe übernehmen. Sie legt aber keine befruchteten Eier, sondern lediglich Drohneneier. Kann sich das Volk keine neue Königin heranziehen, wird es langsam zugrunde gehen, da der Nachwuchs an Arbeiterinnen fehlt.

Im Sommer findet man im Bienenvolk außerdem zwischen 1000 und 2000 Drohnen, die eine Lebensdauer von 20-25 Tagen erreichen. Sie sind größer und kräftiger gebaut als Arbeiterinnen und lassen sich daher einfach unterscheiden. Im Übrigen besitzen Drohnen keinen Stachel! Ihre einzige Aufgabe besteht in der Begattung der Königin. Sie können keinen Wachs produzieren, keinen Nektar sammeln und lassen sich von den Arbeiterinnen durchfüttern. Nachdem die Paarungszeit im August vorbei ist, werden die Drohnen von den Arbeiterinnen hinausgeworfen – eine Drohnenschlacht findet statt und wer nicht freiwillig geht, wird gestochen.

Völker

Zu einem Bienenvolk gehören nicht nur die Bienen, sondern auch die äußere Hülle,
die Beute, und der Wabenbau.

Königin

Die Königin, hier mit einem Punkt gekennzeichnet, ist ständig von einem Hofstaat umgeben, der aus Jungbienen besteht und die Königin mit Gelee-Royale füttert.

Arbeiterinnen

Die Arbeiterinnen übernehmen die meisten Aufgaben im Bienenvolk, wie hier, das Sammeln von Nektar und Pollen.

Der Wabenbau wird unterschieden in Honig- und Brutwaben. Die Honigvorräte befinden sich stets über den Brutwaben. Bei guter Pollenversorgung legen die Arbeiterinnen auch einige Pollenwaben an, die sich in unmittelbarer Nähe zum Brutnest befinden.

Charakteristisch für alle Waben ist die sechseckige Form der einzelnen Zellen und die senkrechte Ausrichtung. Dadurch wird eine optimale Platzausnutzung bei gleichzeitig geringem Materialeinsatz erreicht. So wird für den Bau einer Wabe lediglich 60g Wachs benötigt. Der Bau von Zellen dieser Form geschieht instinktiv. Die Wachsdrüsen der Arbeiterinnen entwickeln sich etwa ab dem achten Lebenstag. Durch die einen Stoffwechselprozess, für den Zucker benötigt wird, wird das Wachs produziert und an den unteren Bauchschuppen des Hinterleibes ausgeschwitzt. Die Biene nimmt die Wachsplättchen nach vorn, knetet sie mit ihren Mundwerkzeugen weich und verbaut sie. Es wird aber nicht nur frisches Wachs verbaut, sondern auch altes Wachs abgenagt und verwendet, zum Beispiel für den Verschluss der Honigzellen. 

Im Laufe eines Jahres sammelt ein Bienenvolk etwa 120 kg Nektar, wovon ca. 70 kg im Laufe des Jahres das Bienenvolk für die Aufzucht der Brut, für die Aufrechterhaltung der Temperatur und für die zahlreichen Sammelflüge benötigt wird. Die restlichen 50 kg Nektar werden in ca. 20 kg Honig umgearbeitet und als Wintervorrat eingelagert. Hinzu kommt ein jährlicher Bedarf von 20 kg Blütenpollen, 25 l Wasser und etwa 100 g Kittharz.

Auch die äußere Schutzhülle gehört zu einem Bienenvolk. In der Natur lebende Bienenvölker suchen hohle Baumstämme oder kleinere Höhlen auf, die vorzugsweise nach Süden ausgerichtet sind und ein Volumen von mindestens 25l aufweisen. Im Inneren wird Schmutz oder altes, morsches Holz entfernt und die komplette Oberfläche mit einer Schicht aus Propolis verkleidet. Danach werden einzelne senkrechte Waben gebaut und mit Brut und Nektar gefüllt. In der Imkerei werden die Bienen in sogenannten Beuten gehalten. Diese bestehen aus Boden mit Flugloch und Deckel, sowie aus dazwischen liegenden, einzelnen Kisten, den Zargen. Der Volksstärke angepasst wird die Anzahl der Zargen erweitert oder beschränkt. Für den Wabenbau werden Holzrahmen angeboten, die mit Wachsplatten bestückt sind und bereits das typische Sechseck-Muster aufweisen.

 

Honigwaben Pollenwabe Brutwabe

Vergleich einer Honig-, Pollen- und Brutwabe (von links nach rechts).